Mehr Ausgleich für wahre Vergleiche! Bundesliga, ein Spiegel der Gesellschaft

Mehr Ausgleich für wahre Vergleiche!

  • Bundesliga, ein Spiegel der Gesellschaft
  • Das langsame Scheitern der Fußball-Bundesliga
  • Parallelen zum Staat
  • Mehr Haltung finden wir in Spanien
  • England hat es weniger nötig
  • Die 51% Regel
  • Ein Blick in die US-Ligen
  • Verteilung der Gelder aus TV-Rechten überdenken

(Dieser Artikel ist auch für nicht Fussballinteressierte interessant. Denn er zeigt parallelen zum System Staat auf. Als Basis diente das Unterkapitel 'Erfolg und wahre Vergleiche' aus dem Buch Matrix-Kultur I.)

161020_rz_andreas_lange_buchcover-lqDieser Beitrag diskutiert vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse Themen aus dem Buch ’Matrix-Kultur I’ und 'Wo bleibt die Rebellion? Unternehmen in der Pflicht' (siehe Aktion zur Neuerscheinung). 

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Niemand kommt ernsthaft auf die Idee, einen Hasen mit einem Igel zu vergleichen. Und dennoch lassen wir FC Bayern gegen Darmstadt 98 antreten und halten dies für einen wahren Wettbewerb.

"Unwahre Vergleiche führen zu Virtualität, wobei wahre Vergleiche uns dabei helfen, aus erkannten Ungleichheiten zu lernen."

Wenn die Summer der Spielergehälter der einzelnen Bundesligavereine den Tabellenstand wiedergeben, dann erklärt sich die Bundesliga selbst für überflüssig. Warum sollen Zuschauer sich noch 34 spannungslose Spieltage ansehen? Diese Bundesliga macht im Grunde genommen nicht viel mehr, als ihre Spieler für internationale Einsätze müde. Und so wird beim FC Bayern (FCB) schon seit langem daran gearbeitet, sich möglichst ganz in eine europäische Super-Liga abzuseilen. Eine Superliga, damit es häufiger zu spannenden Vergleichen kommt.

Wahre Vergleiche in der Fußball-Bundesliga?

Es wird immer jemanden geben, der größer, schneller und reicher ist. Zu dieser Einsicht müssen wir irgendwann gelangen, wenn wir im Streben nach dem absoluten Maximum nicht das eigene Umfeld zerstören wollen. Der FCB scheint bei seinen Bemühungen diesen Punkt nicht verstanden zu haben. Oberstes Ziel, bei einigen Spielertransfers, war eher die Schwächung der direkten Konkurrenz. Spieler von direkten Konkurrenten mußten nicht einmal beim FCB einschlagen. Die Schwächung der direkten Verfolger schien auf jeden Fall ihr Geld wert zu sein. In der spanischen Liga ist derartiges Verhalten kaum zu beobachten. Spieler von Barcelona oder Madrid wechseln überall hin, aber nicht zum direkten Rivalen. Diese ehrenhafte Haltung hält beide Vereine auf einem hohen Niveau. Und da liegt ein erster Unterschied zur deutschen Liga vor: In Spanien existiert mehr Haltung.

Der FCB hatte den direkten Wettkampf der beiden Dortmunder Meisterjahre 2011-2012 erfolgreich dazu genutzt, an den eigenen Stärken zu arbeiten. Die harten Zweikämpfe in diesen zwei Jahren haben den damaligen FCB reifen lassen. Und so war der Gewinn der Champions-League (CL) im Jahre 2013 überhaupt erst möglich geworden. Aber drauf folgend ist der FCB wieder in seine alten Muster verfallen. Die Spielerkäufe von Mario Götze im Jahre 2013 und Robert Lewandowski im Jahre 2014, beide vom direkten Ligakonkurrenten Borussia Dortmund, waren Zeugnisse eines solchen Rückfalls. Das Arbeiten an den eigenen Stärken trat wieder in den Hintergrund. Geschehen aus Angst, den Erfolg nicht halten zu können. Wenn Erfolg zur Gewohnheit wird, dann steigt die Gefahr der Identifikation. Wir meinen, der Erfolg selbst zu sein. Aus Angst ihn wieder verlieren zu können, versuchen Menschen ihren Erfolg mit allen Mitteln zu erzwingen. Meist kommt dabei weniger heraus. In diesem zwanghaften Modus war für Bayern der Gewinn der Champions-League seit 2013 unerreichbar.

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Die Möglichkeit für den FCB, sich wahren Vergleichen in der Liga zu stellen, war durch den Rückfall in alte Zeiten vorerst erledigt. Nicht nur, weil Dortmund geschwächt wurde, sondern auch, weil der Rest der Liga, mit wenigen Ausnahmen, vor der Übermacht FCB vorzeitig kapitulierte - und es wahrscheinlich immer noch tut. In der Bundesligasaison 2015/2016 war deutlich zu beobachten, dass Mannschaften ausgerechnet gegen den FC Bayern ihr Top-Personal schonten, Gelbsperren absaßen und auch sonst nur mit bescheidener Motivation antraten. Diese Art der Wettbewerbsverzerrung wurde bereits in den Reihen des Fußballverbandes thematisiert und offen angesprochen.

Das Einkaufsverhalten des FCBs hat den Großteil der Liga eingeschüchtert. Damit Niederlagen gegen den FCB künftig nicht mehr so verletzend sind, hat man die Bayern einfach für unschlagbar erklärt. Auf diese Weise fügen Niederlagen gegen den FCB keine Schmerzen mehr zu. Insbesondere dann nicht, wenn man diese Begegnungen nicht mehr ernst nimmt. Und wurde dennoch eine Begegnung gegen den FCB ernst genommen, dann wurde Vereine (wie Augsburg - am Saisonbeginn 2015) durch extrem schlechte Schiedsrichter-Entscheidungen zurückgepfiffen.

Auch der saisonlange Vergleich (Dortmund-Bayern) über 34 Spieltage hinweg funktioniert nicht mehr. Denn diejenigen Vereine, die sich gegen den FCB hängen lassen, wollen es gegen Dortmund aber trotzdem noch wissen. Denn gegen Dortmund existierte noch ein Funken Hoffnung.

Eine negative Spirale setzt sich für die Bundesliga in Gang. Es wird zunehmend leichter für den FCB, was abermals weitere Vereine dazu veranlassen wird, nicht mehr ernsthaft in den herausfordernden Vergleich einzusteigen. Anders läßt sich das Auftreten von Werder Bremen am ersten Spieltag in München nicht werten. Warum wird dem FCB am ersten Spieltag stets ein sehr leichter Gegner zugeordnet? Auf diese Weise markiert der FCB sofort die erneute Tabellenführung und der Rest der Liga verharrt weiter in ihrer Schockstarre.

Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund waren 2015/2016 rühmliche Ausnahmen im Spiel gegen den FCB. Nicht nur, weil sie mehr Chancen hatten, sondern, weil sie weiterhin an ihre Chancen glaubten. Und genau das tat und tut der Rest der Liga nicht mehr. Bei der EM 2016 in Frankreich durften wir rühmlich beobachten, wie kleine Länder beseelt davon waren, es den großen Nationen schwer zu machen. Von dieser Mentalität war in der vergangenen Bundesligasaison (aus dem Tabellenmittelfeld) nicht viel zu beobachten.

Mit der besagten Einkaufspolitik und sonstigen Haltung schadet der FCB der Bundesliga und sich selbst. Eine sicherer und für den Zuschauer langweilige Ligabetrieb wurde vom FCB mit dem Verlust internationaler Spielstärke bezahlt. Dem FCB gingen und gehen in Deutschland reihenweise die notwendigen Sparrings-Partner verloren. In der Champions-League war dem FCB, dass Fehlen von regelmäßigen und ernstzunehmenden Vergleichen aus der Liga deutlich anzumerken. Mit plötzlichen Rückständen kam der FCB genauso wenig zurecht, wie mit gut aufgestellten Verteidigungsreihen. Anders lassen sich die drei Jahre Pep Guardiola nicht bewerten.

Und jetzt, wo die Bundesliga droht in Langeweile zu versinken, wünscht sich der FCB eine nächsthöhere Liga. Der FCB setzt viel daran, eine europäische Super-Liga zu gründen. Eine Liga, in der FCB als einziger deutscher Verein einen festen Platz erhalten soll. Ob diese Superliga parallel zur CL stattfinden soll, ist nicht geklärt. Genauso wenig, ob die Superliga über der CL thront. Genauso steht zur Debatte, ob Vereine der Superliga noch weiter im Ligabetrieb ihrer Heimatländer organisiert sind. Einzig die Großvereine der englischen Premier-League sind nicht vom Konzept der Superliga überzeugt. Denn in der Premier-League herrscht keine Langweile. Jedes Jahr haben vier bis sechs englische Vereine eine echte Chance den Titel zu gewinnen.

Was glauben Sie, warum der FCB so vehement für den Erhalt der 51% Regel kämpft. Das heißt, kein Verein darf mehr als 49% seiner Anteile an Privatinvestoren veräußern. Denn ohne diese Regel, könnten Großinvestoren massiv in konkurrierende deutsche Vereine investieren. Und dann gäbe es ernstzunehmende Konkurrenz. Wollen wir das überhaupt in Deutschland? Konzerne oder Oligarchen als Eigner deutscher Vereine? Alles nur, um einen Wettbewerb unter Gleichen zu organisieren. Ich glaube nicht. Aber irgendwas muss passieren, wenn die Bundesliga nicht langfristig an sich selbst scheitern will? Immer mehr Geld für Fernsehrechte und das für immer weniger Meisterschaft-Spannung, dass wird auf Dauer nicht funktionieren.

An dieser Stelle ein paar Worte zum Financial-Fairplay der UEFA. Leider funktioniert dieser Ansatz nur zwischen den großen Vereinen Europas. Hier soll europaweit ein fairer Wettbewerb ermöglicht werden: Innerhalb von drei Jahren müssen die Einnahmen die Ausgaben ausgleichen. Ein Defizit darf von Sponsoren, nicht über die festgelegte und errechnete Subventionssumme hinaus, transferiert werden. Die Umsetzung hinkt, aber ein erster Schritt wurde gemacht.

Ein Blick in die US-Ligen

"Wettbewerb bedarf gleicher Klassen. Denn immer zu gewinnen, ist auf Dauer genauso demotivierend, wie stets zu verlieren - auch für Zuschauer."

Werfen wir zur Rettung der Bundesliga einen Blick in die nordamerikanischen Ligen. Denn diese Ligen arbeiten in vielen Punkten durchaus vorbildlich.

US-amerikanische Profiligen sind ausgeglichener als die deutsche Fußball-Bundesliga. Im Basketball oder beim Football - in amerikanischen Top-Ligen sind die Gehaltsausgaben für den Kader budgetiert. Teams müssen sich entscheiden, wenige Top-Gehälter oder einen mittleren Durchschnitt für alle. Die Gesamtausgaben sind begrenzt. Zudem erhalten amerikanische Vereine auf den unteren Tabellenrängen Vorrechte, gelistete Top-Talente als erster Verein zu verpflichten. Von unten nach oben werden junge Top-Talente verteilt.  Lehnen unterrangige Vereine diese Transfers ab, dann erhalten sie hierfür einen entsprechenden finanziellen Ausgleich. US-amerikanische Ligen bleiben aus den genannten Gründen ausgeglichen und spannender. Diese Ligen generierten in den letzten 20 Jahren mindestens 10 verschiedene Sieger und sie förderten ganz nebenbei ihre junge Talente.

Ganz im Gegensatz dazu die deutsche Fussballbundesliga. Hier kaufte der FC Bayern regelmäßig Jungtalente auf. Diese konnten in dem mit internationalen Stars gespickten Kader kaum Spielerfahrung sammeln. Die Liste der gescheiterten Jungnationalspieler ist lang. Junge Spieler wissen oftmals nicht, worauf sie sich bei zu großen Vereinen (ganz gleich ob in Deutschland oder im Ausland) einlassen. Der Traum binnen eines Jahres durchstarten zu können ist meist schnell ausgeträumt.

Auch im Punkte Talente, gilt für den FCB das vorrangige Prinzip, den Wettbewerb zu schwächen: Viele junge Talente hätten sich aller Wahrscheinlichkeit nach bei kleinen Vereinen besser entwickeln können. Denn dort hätten sie mehr Einsatzzeiten gehabt. Aber genau dann hätten diese Talente es irgendwann dem FCB schwer machen können. Zum einen könnten Talente kleinere Vereine tatsächlich verstärken. Dann müßten diese von kleinen Vereinen entwickelten Talente teuer weggekauft werden. Und hierbei würde man anderen Vereinen auch noch lukrative Einnahmequelle gewähren. Diese Kaskade muss aus Sicht der Bayern verhindert werden. Übermäßig viele Talente einzusammeln, sie notfalls kalt zu stellen und eines von 20 in die eigene Mannschaft zu integrieren, dass scheint immer noch die günstigste und beste Lösung für den FCB zu sein. Aber nicht für die Bundesliga und vor allem nicht für die deutsche Nationalmannschaft.

Mehr Ausgleich für wahre Vergleiche

Alle Vereine der Bundesliga müßten einen gleich großen Anteil aus dem Topf der  TV-Rechteverwertung erhalten. Warum nicht? Ein Platz 15 ist  für die Übertragung eines Spieltages genauso wichtig, wie ein Platz unter den ersten drei. Auch die unteren Plätze sind notwendig, um einen ordentlichen Ligaspieltag auszutragen. Die Top-Vereine verdienen ohnehin durch das Erreichen der CL bereits mehr als alle anderen Clubs. Mit einer Umsatzschere von Platz 1 zu 18 plus Champions-Leaguage kann auf Dauer kein spannender und talentfördernder Spielbetrieb aufrecht gehalten werden.

Die Bundesliga ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Eine Mehrheit läßt sich von einer Minderheit ausbeuten. Die Scheren Arm-und-Reich klaffen in der Bundesliga und im Staat immer weiter auseinander. Möglich geworden, weil sich eine Mehrheit von einer Minderheit bereitwillig schlechter stellen läßt. Die Mehrheit hatte es bisher versäumt, stärkere Ausgleichsmechanismen einzufordern.

Das Verteilungsverfahren der Fernsehrechte, die fehlende Haltung und die Einnahmen aus der CL haben eine gewisse Mitschuld an der Einseitigkeit der Fussball-Bundesliga. Genauso, wie unsere Steuergesetzte und Förderungen der Großindustrie Mitschuld daran tragen, dass 10% der Deutschen 60% des Gesamtvermögens besitzen.

Wer die Bundesliga im Ausland teurer vermarkten will, muss für mehr Spannung durch mehr Ausgleich sorgen. Davon würden alle Vereine profitieren. Möglichkeiten gibt es hierzu genug:

  • gleichmäßigere Verteilung der Fernsehgelder,
  • Gehaltsobergrenzen für das ganze Team,
  • Kaderobergrenze von 27-30 Spieler verhindern das Parken von Talenten
  • oder die Abschaffung der 51% Regel.

Man muss sich nur für eine oder zwei Möglichkeiten entscheiden. Aber genau an solchen Entscheidungen haben gewisse Vereine kein Interesse.

Und hier sind wir bei einer Parallele aus meinem neuen Buch (geplantes Erscheinungsdatum Herbst 2016) angelangt. Statt große Vereine, welche die notwendigen Reformen blockieren, sind es im Buch große Unternehmen. Warum hat ein Mehrheit es bisher versäumt hat, überfällige Ausgleichsmechanismen einzufordern? Auch auf diese Frage möchte ich in meinem neuen Buch näher eingehen.

Andreas Lange - Autor, Speaker und Systemberater (Vita)

Beiträge zu diesem Thema:

Die großen Verheimlicher - Vorteilsannahme vs. Transparenz

Zu meinen Büchern:

In meinem Buch 'Das Ende der Matrix-Kultur', habe ich die Abbildung und Auswirkung neuropsychologischer Blockaden im Kontext von Arbeit und Gesellschaft beschrieben.

Im Nov. 2016 erscheint das zweite Buch dieser Reihe. 'Wo bleibt die Rebellion? Unternehmen in der Pflicht' hinterfragt die bisherigen Gesetze der Ökonomie. Sind diese Gesetze vor dem Hintergrund einer aufklaffenden Schere von Arm und Reich und der drohenden Klimaveränderung noch zeitgemäß? Was können wir tun, um Entscheidungen und Ziele auf eine nachhaltige Basis zu stellen? Wie können wir Unternehmen organisieren, um den Anspruch für mehr Ausgleich gerecht zu werden?

1 Response

  1. Das ist alles nur begrenzt richtig. In der Saison 2013 mit der CL gewann Bayern alle Rückrundenspiele, außer das in Dortmund, das sie wegen des anstehenden CL-Finales nicht ernst nahmen. Dort hatten sie also auch schon keine Gegenwehr, trotzdem gewannen sie gegen englische, italienische und spanische Mannschaften. Transfer: Niemand wollte einen Philipp Lahm haben. Andere Vereine hätten durchaus zuschlagen können, beim besten Rechtsverteidiger der Welt. Sie haben es halt einfach nicht gecheckt. Und wenn Bayern eben mal nicht kauft, dann gehen die Spieler ins Ausland weg, Beispiel Dortmund. Levandowski wäre nicht mehr bei Dortmund, selbst wenn Bayern ihn nicht gekauft hätte. Die Frage ist dort immer nur, wer kauft den Spieler. Kauft Bayern, bleibt er der Bundesliga erhalten. Das Problem der Bundesliga ist, dass selbst Vereine wie Dortmund ihre Spieler aus eigener Kraft nicht halten können. Das Problem mit der Nationalmannschaft ist ein ganz anderes. Löw ist ein unterirdischer Trainer, der bei jedem Turnier die gleichen Fehler macht, die man auch recht einfach analysieren kann. Mit den Spielern, die wir zur Verfügung haben müssten wir eigentlich seit Jahren jede EM und WM gewinnen.

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